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[Rezension] Louise O’Neill: Du wolltest es doch

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Im Moment hat man kaum eine Chance um dieses Buch drumherum zu kommen. Überall sieht man das Cover von der Neuerscheinung “Du wolltest es doch” und auch ich habe es nicht nur bei der ersten Gelegenheit bestellt, sondern auch direkt gelesen. Und ich mir niemals vorstellen können, was mich damit erwartet.


Klappentext:

Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt. Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen. Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid?

Ein aufwühlendes, vielfach preisgekröntes Buch.

Details:

* Carlsen Verlag * 366 Seiten * Hardcover * 18,00 € * Erschienen am 25.07.2018 *


Emma ist jung und schön– und weiß das auch. Tagtäglich spielt sie mit ihren Reizen, gibt in der Schule das nette Mädchen, um nicht für arrogant gehalten zu werden, doch wenn man hinter die Fassade blickt, merkt man, dass sie genau das ist. Neidisch, missgünstig und am liebsten immer im Mittelpunkt des Geschehens setzt sie alles daran andere Mädchen auszustechen. Dabei macht sie auch vor ihren Freundinnen nicht Halt und nimmt keine Rücksicht auf Verluste. Doch auf dieser einen Party verliert Emma die Kontrolle und jede Erinnerung an das, was geschehen ist. Und die Realität reicht nicht einmal ansatzweise an ihre schlimmsten Vorstellungen heran…

du wolltest es doch louise o'neill

Ich muss sagen, dass ich unheimlichen Respekt vor dem Lesen dieses Buchs hatte. Das Thema Vergewaltigung ist weiß Gott kein einfaches und ich hatte Bedenken wegen der Umsetzung. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich auf dieses Gefühl hätte vertrauen sollen, denn mir hat das Buch nicht gefallen und ich erkläre euch sehr gern, was mich daran so sehr gestört hat. Denn letztendlich soll jeder selbst entscheiden, ob er mit meinen Kritikpunkten leben könnte und ob er das Buch dennoch lesen möchte.

Wie bereits erwähnt, hat Emma so viele wirklich miese Eigenschaften, dass sie keinem Leser auch nur ansatzweise sympathisch sein kann. Ich wurde selten mit einer so falschen Person konfrontiert oder einer Protagonistin, die mich so abgestoßen hat. Sie bestiehlt ihre Freundin, sie macht sich an den Freund einer anderen Freundin ran, nur um sich zu beweisen, dass sie ihn haben könnte, wenn sie wollte und spielt jedem das nette Mädchen von nebenan nur vor. Auch mit dem Einsatz ihrer Reize geizt die 17-Jährige nicht. Tiefe Ausschnitte, kurze Röcke, ein verführerischer Blick– da fällt es doch leicht ihr selbst die Schuld an der Tat zu geben, oder?

Denn genau in diese Richtung wird der Leser gedrängt. “Man kann Emma für ihr Wesen einfach nicht mögen, also ist es doch nur gerecht, dass ihr sowas widerfährt!”, schreit die Autorin einem mit jedem Satz entgegen und ich fühle mich als Leser entmündigt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es für Taten wie Vergewaltigung und Missbrauch keine Entschuldigung gibt. Kein Opfer hat auch nur einen Hauch Mitschuld, an dem, was ihm passierte, doch in diesem Buch wird der Gedanke “Selbst schuld” so dermaßen forciert, dass ich das Buch am liebsten abgebrochen hätte. Ich hatte schlichtweg keine Lust mehr mir ständig vorbeten zu lassen, was ich jetzt denken soll, nein– denken muss! Alles an diesem Buch hat mich abgestoßen. Das Verhalten Emmas vor dem Ereignis, das Verhalten ihrer Eltern (vor allem das der Eltern. Wie widerlich sind die denn bitte???) nach dem Ereignis und das der Nachbarn und Freunde. Für mein Empfinden gab es in dieser Geschichte genau zwei Personen, die nicht von allen guten Geistern verlassen waren: Emmas Bruder und ihr Freund und Nachbar Conor.

Auch der Schreibstil der Autorin sagte mir wenig zu. Vor allem den Dialogen konnte ich nur schwer folgen, da man oft nicht wusste, wer überhaupt nicht sprecht. Teilweise musste ich Absätze zwei oder drei mal lesen, um den Überblick zu behalten. Dass Emmas Gedanken in Klammern geschrieben wurden, verwirrte mich zunächst ein wenig, da das Buch ohnehin in der Form des Ich-Erzählers geschrieben wurde. Vor allem im zweiten Abschnitt häufen sich diese Gedanken natürlich, weil Emma sich nach dem Vorfall immer mehr in sich selbst flüchtet und kaum noch Kontakt zur Familie und noch weniger zur Außenwelt zulassen möchte.

Was mir gut gefallen hat, war der starke Kontrast zwischen der Emma vor und der nachdem es passierte. Von dem selbstbewussten, ja selbstverliebten Mädchen war nichts mehr übrig. Sie war verängstigt, depressiv, in Selbstzweifeln gefangen und sehnte sich schlichtweg danach aufgefangen zu werden. Doch nicht einmal von ihren Eltern bekam sie den Halt, den sie so dringend benötigte, sodass sie immer mehr in ihre suizidalen Gedanken abrutschte und sich für alles selbst die Schuld gab und sich immer wieder vorwarf, dass sie diejenige war, die Leben zerstörte. So konnte ich das Ende auf jeden Fall nachvollziehen, auch wenn es mich als nicht betroffene Person etwas enttäuschte, auch wenn ich ihr Vorgehen verstehe.

Auch fand ich es gelungen wie die Autorin die Schwierigkeit mit den sozialen Medien eingebaut hat. Emma selbst hat keine Erinnerungen mehr an das, was ihr zugestoßen ist und ist anfangs verwirrt, als ihr am nächsten Tag die Abneigung und Häme ihrer Mitschüler entgegenschlagen. Doch dann wird sie auf die Facebook-Seite aufmerksam, auf der Fotos des besagten Abends kursieren. Es sind die abwertenden, hasserfüllten und ekelerregenden Kommentare, die das Mädchen nicht mehr loslassen. Es war äußerst realistisch und unheimlich erschreckend, was die Anonymität des Internets mit den Menschen machen kann.

Schlussendlich kann ich nur sagen, dass das Thema, das das Buch aufgreift unheimlich wichtig ist, denn es ist beschämend, dass in unserer heutigen Gesellschaft immer noch Sätze wie “Die hatte ja getrunken, da ist sie selbst schuld!” oder “Mit dem Klamottenstil war ja nichts anderes zu erwarten!” fallen, wenn es um Vergewaltigungsopfer geht. Ein Opfer ist niemals schuld! Als umso abstoßender empfand ich es, dass die Autorin den Leser scheinbar genau in diese Schublade pressen will. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mich dieses Buch zum Nachdenken anregt, sondern dass ich mich permanent gegen das, was mir hier aufgezwungen werden soll, wehren muss. Ich lese in letzter Zeit sehr gern Bücher mit solchen wichtigen Themen und ich finde es gut und unterstützenswert, dass immer mehr Bücher sich solcher Dinge annehmen, aber ich hatte noch nie das Gefühl so sehr gegen ein Buch ankämpfen zu müssen. Für mich persönlich war dies einfach der falsche Weg.


Da ich das Buch dennoch als wichtig empfinde, möchte ich es an dieser Stelle keiner Kategorie zuordnen. Nur eins möchte ich noch sagen: Nicht alle Opfer von Gewalttaten, Vergewaltigung und Missbrauch sind Emmas. Es ist nicht immer die Person, mit dem kürzesten Rock, dem tiefsten Ausschnitt, der engsten Jeans oder dem offensivsten Flirtverhalten. Es kann jeden treffen. Jeder kann Opfer werden und daran ist man niemals, wirklich in keinem einzigen Fall selbst schuld. Denn kein anderer Mensch hat das Recht ohne Zustimmung über den Körper eines anderen zu verfügen. Nein heißt nein. Und selbst wenn es kein ganz klares Nein ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es ein Ja ist. 

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Das sagt Booknerds by Kerstin:

Auch fand ich es bei diesem Thema sehr schade, dass mich Du wolltest es dochemotional nicht wirklich erschüttert hat, da habe ich schon ganz andere Bücher zu diesem Thema gelesen. Hier überwog einfach nur die Frustration.

Das sagt Ina’s Little Bakery:

DU WOLLTEST ES DOCH ist ein Roman in dem ein sehr schweres Thema vorherrscht, das aber unbedingt immer wieder angesprochen und diskutiert werden muss. Heute mehr denn je.

Das sagt Piglet and her Books:

Emmas Geschichte wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen, allem voran ihr Karussell aus Gedanken, in dem sie festhängt. […] Besonders gut finde ich das Nachwort, was nochmal alles aufklärt und verdeutlicht, wie sehr sich unsere Gesellschaft sich noch ändern muss.

3 Comments

  • Kerstin

    Hallo liebste Rka,

    das ist so eine wundervolle Rezension, genau das waren auch meine Emotionen beim Lesen und das finde ich schaden, denn dieses Thema ist so wichtig. Ich hätte es einfach schöner gefunden, wenn man beim lesen frei denken kann.Aber auch wenn mir das Buch persönlich nicht zusagt, vielmehr die Umsetzung, so erzielt es doch die richtige Wirkung: wir reden alle darüber!

    Liebe Grüße, Kerstin

    • Rika

      Hallo liebe Kerstin,

      ja, das sehe ich ganz genauso wie du. Ein wenig mehr zum Nachdenken anregen statt so in eine Richtung schubsen und schon wäre es deutlich angenehmer gewesen!
      Aber wie du schon sagst: das Buch hat seinen Sinn absolut erfüllt und bringt das Thema Missbrauch und Schuldfrage definitiv ins Gespräch. Und es ist ja auch gut, dass darüber gesprochen wird.

      Liebst,
      Rika

Was ich kurz sagen wollte... (Dein Kommentar geht danach in die Prüfung zur Freischaltung! ♥)